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Lachen

am 29. September 2009 unter Aleister Crowley abgelegt

von Aleister Crowley

Der bei allen mystischen Systemen gleiche Defekt vor dem Æon, dessen Gesetz Thelema ist, ist der, daß dort kein Platz für das Lachen ist. Aber die Verzweiflung der trauernden Mutter und die Melancholie des sterbenden Mannes wurde durch das vertrauensvolle Lächeln des unsterblichen Kindes in den Abyss gespült.

Und da gibt es keine kritischere Vision in der Karriere des Adepten von Horus, als der universale Witz.

In dieser Trance akzeptiert er die Formel von Osiris voll, und in dem Akt transzendiert er sie; der Speer des Centurio geht harmlos durch sein Herz, und das Schwert des Henkers streift nutzlos seinen Nacken. Er entdeckt, daß die Tragödie, aus dem so viele Zeitalter gemacht wurden, gerade eine Farce für das Vergnügen eines Kindes ist. Der Schlag kommt hart, nur um wieder grinsend aufzustehen mit einem „Hoppla, hier bin ich wieder!“ Der Kirchendiener, der Henker und der Teufel sind auch bloß Gesellen dieses Spieles.

Und dann, nach dem er dachte, daß alle diese Tragödien wirklich genug waren, ist die Essenz seiner Erkenntnis, daß sie für ihn doch nicht so wahr sind, wie er dachte; sie sind bloß eine Art Phänomen, so interessant und so nichtssagend machtlos, um ihn wie jedes andere Geschick zu berühren. Sein persönlicher Kummer war seinem leidenschaftlichen Beharren auf Kontemplation bedeutungsloser Anfänge von Begebenheiten angemessen, als wären sie wirklich Realität und wichtig, in der wirklich unendlichen Masse von Manifestationen.

So ist es, daß das Wahrnehmen des kosmischen Witzes direkt zum Verständnis der Idee des Selbstes als Gegensatz zum Universum führt und zur selben Zeit Eins mit ihm, Schöpfer desselben und fern von ihm; dieser dreifältige Status ist, wie bekannt, eine der notwendigen Stufen des Samadhi. ( Dies ist der Höhepunkt eines der zwei wichtigsten Kapitel der Bhagavadgita. )

Darin gibt es auch noch einen zusätzlichen Wert. Die Idee des Lachens beinhaltet die Idee der Grausamkeit, wie es schon viele Philosophen gezeigt haben; und dies ist zweifellos der Grund, warum es in den mystischen Schulen der Bemitleidenswerten von ihren langweiligen Lehrplänen ausgeschlossen wurde. Die einzige Antwort ist, die Achseln in lächelnder Verachtung zu zucken. Denn auf diesen Fels und keinen anderen sind sie mit ihren kleinen Booten gestrandet, einer nach dem anderen, inmitten des Ozeans von „********* gedasma“(1). Die Natur ist voller Grausamkeit; ihre Höhepunkte der Freude und des Sieges sind durch Lachen markiert. Es ist die wahre physiologische Explosion und Entspannung einer Spannung, die es hervor bringt. Nebenbei, solche Drogen wie Cannabis Indica und Anhalonium Lewinii, welche wirklich den „Gürtel der Seele löst, damit sie atmen kann“, bewirken unmittelbares Lachen als eines ihrer charakteristischen Effekte.

Oh diese große und gesunde Verachtung des begrenzten Selbstes, welches im Sinne Gargantuanischen Mißverhältnisses in diesem Lachen wahrgenommen wird! Wirklich erschlägt es, in fröhlichstem kannibalischen Schwelgen, das saure, schwarz gekleidet missionarische, ernsthafte Selbst, und wirft es in einen Topf. Hihi – die Stimme der Zivilisation – der Verkünder des Gottes der Weißen – brodel, brodel, brodel. Wirf noch eine handvoll Weiser hinein, Bruder! Und der süß duftende Rauch steigt auf und verschleiert mit auserlesen scheuer Verführung die schamlosen Körper der Sterne!

Über all diesem als praktischen Wert – seit die Wegweiser bei jeder Abzweigung nur VORSICHT lauten – direkt durch die Kraft dieses geschlagenen Selbst hervorbrechend, ist der Gebrauch von Lachen als ein Wächter vor dem Wahnsinn. Wie leicht ist es für die Scharlatane der Rhetorik den kleinsten Enthusiasmus der Seele zu verführen! Welche Hilfe haben wir, sofern wir nicht den Witz haben, sie für lächerlich zu halten? Da gibt es kein Limit für den Abgrund an Idiotie, worin uns diese Quacksalber stoßen wollen – unser einziger Schutzreflex ist der automatische Witz unseres Sinnes für Humor!

Robert Browning war dem Königreich Gottes nicht weit entfernt, als er schrieb:

Freut euch, daß der Mensch
geschleudert wird
Unaufhörlich von Wechsel zu Wechsel
Daß seiner Seele Schwingen sich
nicht entfalten.

Und hier ist nach allem ein wenig Salz im Spott von Juvenals „Satur est cum dicit Horatio ‚Evohe!“(2) Denn es muß hier festgestellt werden, daß ein jeglicher Mensch seinen Gefährten Hilfe und Trost durch Trauer brachte.

Nein, der universale Witz, auch wenn er keine wahre Trance ist, ist ganz sicherlich ein Mittel der Gnade, und oft bestätigter Hauptbestandteil der universalen Erlösung.

Zurück zu Browning, zu den kühnen letzten Worten die er schrieb, während das Schicksal seine letzten Jahre zählte:

Grüße das Ungesehene mit Jubel
Biete ihm die Stirn, Brust und Rücken
Was immer du willst.

Amen.

Würde die Welt verstanden sein
Würdest du sehen, sie ist gut.
Ein Tanz zu einem feinen Takt!

Ja gewiß! Laßt uns mit dem nun plötzlich überraschenden Wort eines Engels aus The Vision and the Voice enden, der den Seher, der in eine feierliche Trance glitt, verließ, mit dem fröhlich lachenden Vers – „Ich aber gehe tanzen!“

Die Tafeln des Gesetzes? Bah! Solvuntur tabulæ – risu! (3)

(1) ungezähltes Lächeln
(2) „Horaz war gut gesättigt, als er ‚Evohe‘ rief!“
(3) Laßt uns die Tafeln zerbrechen! – Mit Gelächter!


Aus ‚Little Essays Toward Truth‘, First edition published privately by O.T.O. London 1938 e.v.

Übersetzt von Fra*Sobek-Ra

STILLE

am 29. September 2009 unter Aleister Crowley abgelegt

von Aleister Crowley

Von all den magischen und mystischen Kräften, von all den Gnaden der Seele, von all den Errungenschaften des Geistes, wurde nichts so mißverstanden, auch wenn mit allem gesegnet, wie die Stille.

Es wäre nicht möglich die gewöhnlichen Irrtümer aufzuzählen: nein, es mag gesagt werden, daß selbst daran denken in sich selbst ein Irrtum ist; denn seine Natur ist pures Sein, um es auch so auszudrücken, Nichts, so daß es sich hinter allem Intellektualismus oder Intuition befindet. So kann denn das äußerste dieses Essay bloß eine Art Wächteramt sein, als ob es ein Bereich der Loge sei, in dem das Geheimnis der Stille konsumiert werden kann.
Bezüglich dieser Haltung gibt es eine solide traditionelle Autorität; denn Harpokrates, Gott der Stille, wird Der Herr der Verteidigung und des Schutzes genannt.
Aber seine Natur ist in keiner Weise die passive und negative Stille welches das Wort gewöhnlich bedeutet; denn er ist der Ewig wandernde Geist; der reine und vollkommene fahrende Ritter, der alle Rätsel beantwortet und das geschlossene Portal der Tochter des Königs öffnet. Aber Stille im gewöhnlichen Sinne ist nicht die Antwort auf das Rätsel der Sphinx; es ist das, was durch die Antwort geschaffen wird. Denn Stille ist das Gleichgewicht der Perfektion; so daß Harpokrates die Urform ist, der universale Schlüssel zu jedem Mysterium. Die Sphinx ist das Rätsel, die feminine Idee zu der es bloß ein Gegenstück gibt, immer in der Form unterschiedlich und immer in der Essenz identisch. Dies ist die Bedeutung der Geste dieses Gottes; es wird viel klarer in seiner erwachsenen Form, als der Narr des Tarot gesehen und als Bacchus Diphues, und ohne Zweideutigkeit, wenn er als Baphomet erscheint.

Wenn wir noch weiter in seinen Symbolismus eindringen ist die erste Qualität, die unsere Aufmerksamkeit erregt, zweifellos seine Unschuld. Nicht ohne tiefe Weisheit wird er Zwilling von Horus genannt; und dies ist das Æon von Horus: er ist es, der Aiwass sandte um sein Kommen zu verkünden. Die vierte Kraft der Sphinx ist die Stille; für uns, die wir nach dieser Kraft als die Krone unseres Werkes streben, wird es von äußerstem Wert sein, seine Unschuld und seine Fülle zu erlangen. Wir müssen allerdings zu erst verstehen, daß die Wurzel moralischer Verantwortung, über die der Mensch blödsinnigerweise sich selbst lobt, da sie ihn von den Tieren unterscheidet, Beschränkung ist, welches das Wort der Sünde ist. Tatsächlich ist da Wahrheit in der hebräischen Fabel, daß das Wissen von Gut und Böse den Tod bringt. Unschuld wiederzugewinnen ist Eden wieder-zugewinnen. Wir müssen lernen ohne dieses mörderische Bewußtsein zu leben, daß jeder Atemzug, den wir machen, die Segel unseres gebrechlichen Bootes schwellen läßt, um uns näher zum Hafen unseres Grabes bringen. Wir müssen unsere Angst durch Liebe besiegen; erkennend, daß jede Handlung ein Orgasmus ist und deren totaler Erfolg nichts als Geburt ist. Und: Liebe ist das Gesetz: so muß jede Handlung Rechtschaffenheit sein und Wahrheit. Durch bestimmte Meditationen wird dies verstanden und festgestellt werden; und dies sollte so vollständig getan werden, daß wir uns unserer Heiligkeit nicht bewußt werden, denn nur dann wird Unschuld vollkommen. Dieser Zustand ist in der Tat eine notwendige Bedingung jener wirklichen Kontemplation, die wir für gewöhnlich als die erste Aufgabe des Aspiranten begreifen: die Lösung der Frage „Was ist mein wahrer Wille?“ Denn bis wir unschuldig werden können wir sicher sein, daß wir ständig mit einem Regelwerk von scheinbar Richtigem oder Falschem über unseren Willen richten; in anderen Worten, wir sind fähig unseren Willen von Außen zu kritisieren, wobei Wahrer Wille wie eine Fontäne von Licht von Innen hervorspringen sollte, und ungeprüft, kochend vor Liebe, in den Ozean des Lebens fließen sollte.

Dies ist die wahre Idee von Stille; es ist unser Wille, der hervorkommt, vollkom-men elastisch, sublim, um jeden Zwischenraum des Universums der Manifestation zu füllen, welches er auf seinem Wege trifft. Da ist kein Abgrund zu groß für seine unermeßliche Stärke, keine Enge zu schwierig für seine gelassene Subtilität. Er paßt sich mit perfekter Präzision jeder Notwendigkeit an; sein Fließen ist die Garantie seiner Treue. Seine Form wird stetig variiert durch jene besondere Unvollkommenheit mit der sie zusammentrifft: seine Essenz ist in allen Fällen identisch. Und immer ist der Effekt seiner Aktion Perfektion, das ist Stille; und diese Perfektion ist immer dieselbe, vollkommen zu sein, doch immer unterschiedlich, weil jeder Fall seine eigene besondere Quantität und Qualität darstellt.

Es ist unmöglich für die Inspiration etwa Dithyramben der Stille singen; denn jeder neue Aspekt von Harpokrates ist durch alle Ewigkeiten der Musik des Universums wert. Ich wurde einfach durch meine loyale Liebe zu dieser seltsamen Rasse geleitet, in der ich mich selbst inkarniert wiederfinde, um diese einfachen Verse des unendlichen Epos von Harpokrates zu verfassen, als wäre es eine Facette seiner fruchtbaren Brillianz die ein höchst erwünschtes Licht brach, um auf meinen dunklen Eingang zu scheinen, zu seinem Schrein der strahlenden, unaussprechlichen Gottheit.

Ich preise das üppige Entzücken der Unschuld, die virile und allgestaltende Ekstase der All-Erfüllung; ich preise das gekrönte und erobernde Kind dessen Name Kraft und Feuer ist, dessen Subtilität und Stärke Gelassenheit hervorbringt, dessen Energie und Ausdauer vollenden die Erlangung der Jungfrau des Absoluten; und, wenn manifestiert, der Spieler auf der siebenfältigen Flöte ist, der Große Gott Pan, und, sich in die Vollkommenheit willentlich zurückziehend, wiederum die Stille ist.


Aus ‚Little Essays Toward Truth‘, First edition published privately by O.T.O. London 1938 e.v.

Übersetzt von Fra*Sobek-Ra